ME+BeFallen 2
(English version below)
Ich war Wärme, als ich kam.
Wärme und ein dumpfer Puls im Holz.
Kein Licht. Kein Laut. Nur Vibration.
Ich schlüpfte unter Rinde.
Und fand mich,
nicht verwandelt,
sondern geboren –
in einem Körper aus Wille und Winkel.
Ich lag auf dem Rücken.
Noch keine Richtung. Nur Trieb.
Mein Körper war gebaut zum Bohren.
Mein Leben: Linie.
Ich lernte, mit den Antennen zu lauschen.
Nicht nach Stimmen – nach Signaturen.
Nach Harz. Nach Schwäche.
Meine Antennen erzählen mir, wo das Holz sich verzieht.
Wo es stöhnt unter Dürre.
Wo der Baum nicht mehr zurückschlägt.
Meine Mechanosensoren tasten ohne Auge.
Wenn ich bohre, antwortet der Baum.
Zuerst ein Schwall Harz,
der meinen Körper einschließen will,
mich ertränken soll.
Ich warte, bis es versiegt,
bohre tiefer,
wo das Holz nachgibt.
Hier endet sein Widerstand,
und hier beginnt meine Spur.
Wir reisen nicht allein.
Ich bin kein Einzelner.
Ich bin Gefüge.
Ich bin ein Geometer der Gänge.
Mein Fraß ist Muster.
Mein Weg ist Schrift.
Ich sehe nicht – ich spüre Licht:
Nicht hier. Nicht oben. Nicht hinaus.
Nur Rinde. Nur Holz.
Nur das Innere der Fichte.
Und doch weiß ich: Es ist Sommer.
Die Wärme steigt.
Ich zähle nicht in Tagen,
sondern in Graden.
In Schwellen, ab denen wir alle fliegen.
Wir waren viele in diesem Jahr.
Sehr viele.
Ich erinnere mich an das Geräusch des Schwärmens –
als tausend von uns aufbrachen.
Wie ein einziger Entschluss,
über den Wald gelegt.
Feldbuch – unser Revier – war ein Fest.
So viele Bäume, so viele weiche Stämme.
Im Vorjahr waren es noch genug.
Die Auswahl reich.
Aber das hat sich verändert.
Dieses Jahr: zu viele wie ich.
Wir bohrten zu schnell.
Wir trafen uns in Gängen, die nicht mehr weiterführten.
Und immer mehr von uns starben,
ohne je ein Ei zu legen.
Ich hörte das Kippen.
Es war kein Geräusch –
eher ein Fehlen.
Die Bäume sind schwächer.
Ja.
Aber auch:
Wir sind zu viele.
Ich kenne kein Wort für Hunger.
Aber ich kenne ihn.
Jetzt fliege ich.
Die Thermorezeptoren an meinen Schenkeln sagen:
Jetzt.
Ich taste die Luft.
Ich trage Sporen mit mir – Pilz, der mir Türen öffnet.
Ich finde das Harz in der Luft.
Und dann:
Eine Fichte.
Nicht die stärkste.
Nicht die erste.
Aber sie sendet nichts zurück.
Kein Harzdruck.
Keine Barriere.
Ich lande.
Anna kennt mich nicht.
Aber ich kenne ihren Baum.
Ich krieche.
Ich beginne zu gravieren.
Nicht für sie.
Nicht für mich.
Für das Gefüge.
Für das Ende dieser Linie.
—
I was warmth when I arrived.
Warmth and a dull pulse in the wood.
No light. No sound. Only vibration.
I slipped beneath the bark.
And found myself –
not transformed,
but born –
into a body made of will and angles.
I lay on my back.
No direction yet. Only drive.
My body was built for boring.
My life: a line.
I learned to listen with my antennae.
Not for voices – but for signatures.
For resin. For weakness.
My antennae tell me where the wood warps.
Where it groans under drought.
Where the tree no longer strikes back.
My mechanosensors feel without eyes.
When I bore, the tree responds.
First, a rush of resin –
meant to trap me,
to drown me.
I wait for it to stop,
bore deeper,
into the yielding wood.
Here the resistance ends,
and here my trace begins.
We do not travel alone.
I am not a single being.
I am structure.
I am a geometer of tunnels.
My feeding is pattern.
My path is script.
I do not see – I sense light:
Not here. Not above. Not beyond.
Only bark. Only wood.
Only the interior of the spruce.
And still I know: it is summer.
The heat is rising.
I do not count in days,
but in degrees –
in thresholds that send us all flying.
We were many this year.
Very many.
I remember the sound of swarming –
as thousands of us took off.
Like a single decision
laid across the forest.
Feldbuch – our domain – was a feast.
So many trees, so many tender trunks.
Last year, it was still enough.
Plenty to choose from.
But that has changed.
This year: too many like me.
We bored too fast.
We met in tunnels that led nowhere.
And more and more of us died
without ever laying an egg.
I heard the tipping point.
It was no sound –
more an absence.
The trees are weaker.
Yes.
But also:
We are too many.
I know no word for hunger.
But I know it.
Now I fly.
The thermoreceptors on my thighs say:
Now.
I probe the air.
I carry spores with me – fungus that opens doors.
I find the resin in the air.
And then:
A spruce.
Not the strongest.
Not the first.
But it sends nothing back.
No pressure of resin.
No barrier.
I land.
Anna does not know me.
But I know her tree.
I crawl.
I begin to engrave.
Not for her.
Not for me.
For the structure.
For the end of this line.
—
Text & Audioarbeit | audio work: Tarik Goetzke
Gesprochen | spoken by: Anna Kubelík
Die Audioarbeit „ME+BeFallen” wird im Rahmen der Sonderausstellung „Symbiotic Wood” präsentiert. Die Ausstellung ist Teil der Reihe „More than Human“ des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Matters of Activity“ der Humboldt-Universität zu Berlin für das _matter Festivals 2025 entwickelt.
The audio work “ME+BeFallen” will be presented as part of the special exhibition “Symbiotic Wood”. The exhibition is part of the “More than Human” series at the Kunstgewerbemuseum of the Staatliche Museen zu Berlin. It was developed in collaboration with the Cluster of Excellence “Matters of Activity” at Humboldt-Universität zu Berlin for the _matter Festival 2025.
Curation: Karola Dierichs
Curatorial Assistance: Jessica Farmer
Coordination and Co-curation: Achim Stiegel; Claudia Banz, Curation of the Series »More-than-Human. Design after the Anthropocene«
Coordination _matter Festival 2025: Sophia Gräfe
Coordination Assistance: Laura Niklas
Production: Julia Blumenthal
Production Assistance: Mareen Baumeister, Nick Geipel, Nicholas Plunkett
Lighting Design: Caspar Pichner
Graphic Design: Nuri Kang
Anna Kubelík // Performative Objects & Space
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